Er wollte es wirklich. Das spürte man in jedem Satz, mit dem er von seinem Vorhaben erzählte.
Er leitete eine Niederlassung, war seit vielen Jahren im Unternehmen und bei allen geschätzt. Sein Ziel für die nächsten Monate war klar: mehr delegieren. Seine Leute sollten Verantwortung übernehmen, und er wollte endlich wieder Zeit für die Aufgaben haben, für die man ihn eigentlich geholt hatte.
Dann kam die erste Besprechung, in der er eine grössere Aufgabe übergeben wollte. Er erklärte, relativierte, bot an, einen Teil doch selbst zu übernehmen, und fragte nach, ob das nicht zu viel sei. Am Schluss wusste niemand im Raum, was nun eigentlich zu tun war. Zwei Wochen später lag die Aufgabe wieder auf seinem Tisch.
Er hatte mit voller Kraft gerudert. Nur in die falsche Richtung.
Das Boot, das sich leise umdreht.
Ich erlebe das in meinen Coachings immer wieder, und zwar gerade bei den Ehrgeizigsten. Menschen, die sich ehrlich weiterentwickeln wollen. Sie setzen sich ein Ziel und legen motiviert ab. Doch sobald es tiefer geht, dreht sich das Boot leise wieder um, bis sie genau dort ankommen, wo sie gestartet sind.
Von aussen sieht das aus wie fehlende Disziplin. Wer so denkt, verordnet sich noch mehr Willenskraft oder noch ein Seminar. Und wundert sich, dass es beim nächsten Mal wieder genauso läuft.
Die beiden Harvard-Forscher Robert Kegan und Lisa Lahey haben für dieses Phänomen einen Namen gefunden: „Immunity to Change“, die Immunität gegen Veränderung. Ihre Beobachtung: Neben dem Ziel, das wir uns bewusst setzen, gibt es fast immer eine zweite, verborgene Verpflichtung. Sie zieht in die Gegenrichtung und schützt uns vor etwas, das wir zu verlieren fürchten. Dorthin fliesst die meiste Energie.
Das erklärt, warum kluge, erfahrene Menschen an Vorhaben scheitern, die sie eigentlich mühelos umsetzen könnten. Sie wissen genau, was zu tun wäre, und sie wollen es auch. Trotzdem rudern sie gegen eine Strömung an, die sie selbst nicht sehen.
„Wer mit voller Kraft rudert und trotzdem nicht vorankommt, kämpft meist gegen eine Verpflichtung, von der er nichts weiss.“
Was der Niederlassungsleiter schützen wollte.
Bei meinem Klienten lag die verborgene Verpflichtung ziemlich tief. Er hatte früh gelernt, lieber alles selbst zu machen, als andere zu überlasten. Wer anpackt und niemandem zur Last fällt, macht es richtig. So hatte er es verinnerlicht.
Diese Haltung hatte ihn weit gebracht. Er war zuverlässig und ein Chef, bei dem man sich wohlfühlte. Nur beim Delegieren wurde genau diese Freundlichkeit zum Problem. Jede klare Ansage fühlte sich für ihn an, als würde er jemanden überfordern. Also schwächte er ab und baute überall kleine Hintertüren ein. Sein Team spürte die Unsicherheit und wartete lieber ab.
Sein bewusstes Ziel hiess: Ich will delegieren. Die verborgene Verpflichtung lautete: Ich darf niemanden überlasten. Beides gleichzeitig geht nicht. Und die zweite war die stärkere.
Der spannendste Moment im Coaching.
Für mich ist es der spannendste Moment, wenn jemand spürt, dass er am liebsten umdrehen würde. Dann halten wir an und schauen gemeinsam hin. Wovor will dieser Schutz eigentlich bewahren? Wann ist er entstanden?
Oft stammt er aus einer Zeit, in der er wirklich gebraucht wurde. Heute steht er nur noch im Weg.
Bei meinem Klienten führte dieser Blick zu einer Entscheidung, die ihn selbst überraschte. Als er sah, wie viel Kraft es ihn kostete, gegen die eigene Strömung anzurudern, wurde ihm klar, dass er die Führungsrolle gar nicht mehr wollte. Er gab die Leitung der Niederlassung mit ihren 70 Mitarbeitern ab. Es war die erste Entscheidung seit langem, die ganz von ihm kam.
Das ist nicht immer das Ergebnis. Manchmal löst sich die Bremse, und jemand führt plötzlich mit einer Klarheit, die vorher nicht möglich war. Manchmal zeigt sich, dass das Boot in eine ganz andere Richtung will. Beides ist ein Gewinn.
Wogegen rudern Sie gerade an?
Kegan und Lahey beschreiben, wie viel sich bewegt, sobald die verborgene Verpflichtung sichtbar wird. Das deckt sich mit dem, was ich erlebe: Oft verändert sich innerhalb weniger Monate mehr als in Jahren voller guter Vorsätze.
Vielleicht kennen Sie ein Vorhaben, das Sie sich schon mehrmals vorgenommen haben. Mehr delegieren, früher nach Hause gehen, in der Geschäftsleitung klarer Position beziehen oder einem schwierigen Gespräch nicht länger ausweichen. Fragen Sie sich einmal ehrlich: Was könnte ich verlieren, wenn es mir wirklich gelingt?
Die Antwort ist selten bequem. Aber sie zeigt meist genau die Strömung, gegen die Sie gerade anrudern.
Wenn Sie wissen möchten, welches Muster bei Ihnen übernimmt, sobald es eng wird, machen Sie den REVOLYOU® Ernstfall-Code. Zwölf Situationen in fünf Minuten, das Ergebnis kommt per E-Mail. Und wenn Sie lieber direkt darüber sprechen möchten: Im kostenlosen Führungs-Sparring schauen wir gemeinsam darauf, wohin Ihr Boot eigentlich will.
Mehr zum Thema: Führung unter Druck und die vier Muster, die dann übernehmen.

Anke Peters · 2. November 2026 · 4 Min. Lesezeit


